Die Einladung

„Wen lade ich denn ein?“, fragte mich meine Mutter.

„Kuck doch mal da in der Schublade, da liegt das kleine Buch mit all den Adressen meiner Freunde!“

 

Das hier konnte nicht wahr sein!

Ich war mir fast sicher in einem Albtraum festzustecken, aus dem ich bestimmt… hoffentlich… innerhalb weniger Sekunden schreiend erwachen würde.

 

Aber so absurd, so maßlos irreal konnte nur das Leben selbst sein.

 

Sie hatten angerufen und mir mitgeteilt, dass meine Mutter mich sehen wolle. Dringend und unaufschiebbar.

Es gehe ihr nicht gut. Sie warte auf mich.

Verärgert setzte ich mich ins Auto und fuhr 400 km, um unzweifelhaft einer Mutter zu begegnen, der es recht gut ging.

 

Seit mehr als einem Jahr lebte sie nun in einem Senioren- und Pflegeheim, da der Krebs, den sie vor 30 Jahren besiegte, wiedergekehrt war.

Er hatte sich in ihrem Körper versteckt und schlief. 30 Jahre lang.

Nun war er stark und wütend über den langen Schlaf zurückgekehrt.

Er tobte!

Er machte sie zunächst zu einem hilflosen Wesen.

Doch dann übernahm sie wieder das Kommando und richtete sich ihr Leben im Pflegeheim gut ein.

Er würde sie auch diesmal nicht besiegen! Nicht meine Mutter, diese starke im Kämpfen und Siegen erprobte, stattliche Frau.

Ich weigerte mich auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie gehen könnte. Meine Mutter war genauso wie alle Mütter für ihre Kinder selbstverständlich. Sie war vor allem unverletzlich und unsterblich.

 

„Wen lade ich denn ein?“

„Lies mal vor wer da steht!“, sagte sie völlig klar und mit fester Stimme.

So wie immer.

Wie kam sie nur darauf, dass sie sterben würde?

 

Ich hielt dieses kleine in schwarzes Leder gebundene Büchlein in der Hand, in das sie in wahlloser Reihenfolge ihre Freunde und Bekannten eingetragen hatte, nannte ihr den obersten Namen und spürte das erste Zittern in meiner Stimme.

Den Besuch der fassungslosen Bestatterin, die die Anweisungen meiner Mutter mit ungläubiger Mine entgegennahm, hatte ich noch aufrechten Mutes hinter mich gebracht. Hörte zu, wie sie ihren Bestattungsort und die Art der Feier festlegte- so als würde sie umziehen und eine Einweihungsfeier planen.

„Es gibt nur Schnittchen und anschließend Kuchen. Das reicht!“, bestimmte sie. „Sonst wird es zu teuer.“

Sie wollte katholisch bestattet werden, obwohl sie evangelisch war.

Sie ist immer nur bei ihrem Lieblingspastor in der Kirche gewesen, der katholisch ist.

Er hatte sie so lange begleitet. Er beerdigte meinen Vater, feierte mit uns Hochzeit und Taufen.

Auch auf ihrem letzten Weg sollte er „ihr“ Pastor sein.

Nicht irgendjemand anders, den sie nicht kannte.

Die Verbrennung war auch kein Problem für mich. Ihr Wunsch nicht in „Papas Grab“ zu liegen, weil das doch nur Ärger mit den anderen für das Grab Verantwortlichen geben würde noch weniger.

Aber das hier konnte ich nicht ertragen!

Tränen liefen mir sturzbachartig über das Gesicht und ließen die Schrift meiner Mutter vor meinen Augen verschwimmen.

So, als würde auch sie sich von mir verabschieden wollen.

„Ach, Kind! Hör doch auf! Was soll ich denn machen?“ fragte sie mich und nahm mich tröstend in den Arm.

So wie immer, wenn es etwas zu trösten gab.

 

Draußen vor den Fenstern feierte der Sommer ein Fest und überzog die Welt mit knallbunten Blütenfarben, die ich alle nicht sah. Meine Welt war schwarz-weiß.

 

Dann kam der Schmerz.

Urplötzlich überfiel er sie und schlug seine Klauen in ihren Rücken.

Atemlosigkeit.

Ich setzte mich hinter sie ins Bett, lehnte sie sanft gegen mich.

Sie war so dünn geworden! Vorsichtig hielt und wiegte ich sie summend wie eine Mutter ihr Kind bis es ihr besser ging.

Spürte ihre Wärme und Nähe.

Hielt fest. Hielt fest, was im Begriff war sich von mir zu verabschieden.

 

Morgens 8.00 Uhr und nachmittags 14.00 Uhr. Mutter-Tochter-Telefonierzeit.

Jeden Tag, soweit möglich, seit ich ausgezogen bin.

Mehr als zwanzig Jahre.

Vereinte Kämpfe gegen Unverständige. Tröstende Worte. Expertenrat bei allen hausfraulichen Fragen. „Mama, was kochst Du denn heute?“ Unterhaltung beim Bügeln. Sicherheit. Gemeinsames Kaffeetrinken. Mama-Geruch. Gulasch mit Kartoffeln und Salat. Thüringer Bienenstich. „Mama kannst Du mir die Gardinen nähen?“ Das Klappern von Tellern in der Küche. Oma mit den Kindern…. Kindsein.

 

„Und vertragt euch!“ waren ihre letzten Worte bevor sie sich entschloss zu schlafen.

Damit meinte sie meinen Bruder und mich. 46 und 45 Jahre alt.

Vertragt Euch!

 

Ich lud ein.

Rief alle an, von denen sie sich noch verabschieden wollte.

Englisch-Kurs, Mal-Kurs, Nachbarin, Freundinnen, Theaterkreis.

„Mama möchte sich noch von ihnen verabschieden“

Alle kamen und standen ratlos vor ihrem Bett. Fassungslosigkeit: „Aber ich habe doch vorgestern noch mit ihr telefoniert. Da war noch alles beim Alten!“

 

Sie schlief, die Macherin.

Sie hielt nun nicht mehr die Fäden der Gemeinschaft in der Hand. Stattdessen überließ sie einem Jeden seinen Faden.

Gab ab. Ließ los.

„Mach was draus! Komm selber klar!“

 

Sie lag in meinen Armen als ihr Atem immer flacher und die Atempausen immer größer wurden.

Ich dachte weder an Zukunft noch an Vergangenheit.

War hier und jetzt bei ihr.

Ganz und gar präsent.

So nah wie nie.

Da waren nur sie und ich.

Die Pflegerin öffnete die Tür zum Balkon. „Damit die Seele gehen kann!“

 

Ihre Seele ging, nahm meine Kindheit mit und ließ mich als Erwachsene zurück.