Die Geliebte

Da saß sie nun. Kim.

Exgeliebte eines verheirateten Mannes.

Leere im Kopf und Leere im Herzen. Leere im Leben.

Wieder alleine. Immer noch alleine, würde ihre Freundin sagen.

 

Da saß sie nun, in ihrem lichtdurchfluteten Wohnzimmer, das ihr all die Jahre ihres Geliebten-Daseins erträglich gemacht hatte.

Sie hatte es zu ihrem Stützpunkt, ihrem Wartesaal für die Reise ins Glück, ihrem Planungsbüro für die Zeit zu zweit, ihrem Startplatz für ihre Flugzeuge im Bauch gemacht. Sie hatte es hell und luftig eingerichtet und den Blick durch die Fenster nach draußen auf die große Stadt, auf das Leben, weder mit Pflanzen noch mit Gardinen versperrt.

Stattdessen webte sie immer dichtere Vorhänge aus Träumen und Phantasien, die das tatsächliche Leben um sie herum aussperrten und in deren Netzen sie sich verfing. Jahrelang stand sie am Spielfeldrand des Lebens, das draußen pulsierte. Sie nahm von hier aus nur ab und an beobachtend daran teil, wenn das Leben ihr ins Gesicht blies, mit ihren Gedanken spielte und ihre Traumwebereien durcheinanderwirbelte, so dass sie einen Blick nach draußen auf die Wirklichkeit werfen konnte.

Dann sah sie, wie das junge Paar von der anderen Straßenseite im Sommer auf seiner Dachterrasse grillte, obwohl das doch verboten war, und erfreute sich an dem Duft des Fleisches oder der gegrillten Paprika, der zu ihr herüber wehte. Manchmal prosteten sie ihr auch zu. Ihr, der Geliebten, die immer alleine auf ihrem viel zu großen Balkon saß.

Weiter entfernt sah sie Züge vorbeifahren, in denen Menschen saßen, die zu ihren Lieben fuhren oder von dort nach Hause zurückkehrten. Die Züge auf den Schienen, die Autos auf ihren Straßen und die Fußgänger, die sich gegenseitig grüßten, zogen wie das Leben an ihr vorüber, während sie zu Hause, in ihrem mit teuren Möbeln und Pflanzen eingerichteten Beobachtungsposten saß und darauf wartete, dass es ihr begegnete.

 

Leben, das war er. Er passierte ihr. Nicht kalkulierbar.

Von jetzt auf gleich war er da.

Vielleicht hatte er ein paar Minuten oder sogar eine ganze Nacht für sie übrig, um dann wieder zu verschwinden.

Heute aber saß sie in ihrem Wohnzimmer und spürte zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht mehr diese völlig verzweifelte Sehnsucht nach einem Zeichen, einer Mail oder einem Wort von ihm.

Kim starrte vor sich hin und spürte nichts, fühlte sich nur leer und müde.

Ausgepowert vom Schattendasein und Sich-Selbst-Verleugnen, vom Leben im Abseits.

Es war vorbei!

Endlich!

 

Sie tat einen tiefen Atemzug, legte die Beine zur Seite auf das von der Sonne erwärmte helle Ledersofa und streckte sich aus.

Als sie die Augen schloss, liefen Tränen - erst leise, dann immer lauter - über ihr Gesicht.

Tiefe Töne der Enttäuschung entflohen ihrer Kehle.

All das Ungesagte, das Bittere, die ungenannten Wünsche und Träume drangen nach außen.

Sie schluchzte immer lauter bis sie zu schreien begann und sich vor Schmerz krümmte.

Sie weinte um ihren Traum, nicht um ihn.

 

Seine Mails hatte sie gelöscht. Alle. Ohne Ausnahme.

Anschließend löschte sie seine Adresse und Telefonnummer aus ihrem Handy.

Das T-Shirt, das sie sich von ihm erbeten hatte, um wenigstens seinen Duft bei sich zu haben, landete im Müll.

Eine Radikalkur, die ihr den Atem raubte und ihr Herz rasen ließ.

Sie kappte erbarmungslos alle Fesseln, die sie mit der Utopie einer Liebe verbanden, die es nur in ihren Träumen gegeben hatte.

 

Sie hatte ihn vor einer jener Kölner Studentenkneipen kennengelernt, die nie leer waren und in denen es immer viel zu laut und zu warm war.

Im Sommer verlegten die Gäste die Kneipen gerne nach draußen.

Sie saßen auf den Fensterbänken, auf dem Bürgersteig, dem Trottoir, wie es in Köln hieß, oder nahmen schlicht Stühle mit nach draußen, um die lauen Sommernächte Kölns und das gut gekühlte Kölsch zu genießen.

Damals nahm Kim noch am Leben teil, stand mitten drin.

Sie hatte es sich gerade auf einer der Fenster-bänke der Kneipe bequem gemacht und nahm einen kräftigen Schluck aus ihrem Glas.

Wie gut tat diese kühle Frische des Biers in dieser Hitze, unter der die ganze Stadt stöhnte.

Selbst in Abendstunden wie dieser war die Luft noch drückend und schwül.

Alles schien auf das erlösende Gewitter zu warten, das Regen und die ersehnte Abkühlung bringen würde.

Während sie gedankenverloren an ihrem Bier nippte, ließ er sich unerwartet neben ihr nieder.

Einfach so und ohne zu fragen, ob denn der Platz noch frei wäre.

Er trug an diesem Sommertag, der nach kurzer Hose und T-Shirt verlangte, Anzug und Krawatte.

Kim wurde schon allein bei seinem Anblick warm und sie begann zu schwitzen.

Er tat das wohl schon etwas länger, denn ihm stand der Schweiß in kleinen Tropfen auf der Stirn.

Er schien sie überhaupt nicht zu registrieren, starrte einfach nur vor sich hin.

Als das Bier in seiner Hand langsam die Krone verlor und wahrscheinlich schon recht gut angewärmt war, sprach sie ihn lächelnd an:

„Ihr Kölsch eignet sich jetzt bestimmt bestens als Mittel gegen Halsschmerzen. Fehlen nur noch die Zwiebeln.“

Irritiert starrte er erst sie, dann das warme Bier in seiner Hand an und nippte pflichtschuldig daran.

„Hmm ... da haben sie wohl recht“, er verzog das Gesicht, „Ich sollte mir ein Neues bestellen!“

Und dann versank er wieder in Schweigen.

„Sie sind bestimmt nicht aus Köln, oder?“, fragte sie etwas später in sein Schweigen hinein.

„Nein, wieso?“, antwortete er.

„Ihr Akzent!“

Nun lächelte er zum ersten Mal.

„Tja... Hamburg halt! Hört man es so gut raus?“

„Hmmm ...“, grinste sie zurück.

 

Im Laufe des Abends erfuhr sie, dass Elias eine Gastprofessur an der Kölner Universität übernommen hatte und von Hamburg, aus einer Wohnung „so klein, wie eine Nussschale“ in eine Wohnung in der Südstadt „so groß, wie eine Markthalle“ gezogen war.

Dabei vergaß er seine Frau und die 4 jährige Tochter zu erwähnen, die immer noch diese Hamburger Nussschale bewohnten.

Da er sich in Köln noch nicht auskannte, aber Hunger hatte, zeigte sie ihm einen fantastischen Italiener, bei dem sie gemeinsam zu Abend aßen und sich für den nächsten Tag zu einer Sightseeing-Tour verabredeten.

 

Kim verliebte sich sofort in Elias braune Augen und seinen warmen Blick.

Sein Duft betörte sie auch nach Jahren noch und seine Stimme verpasste ihr eine Gänsehaut nach der anderen.

Kim, die Tanzpädagogin und Elias, der Professor für Physik wurden ein Paar.

Sie wunderte sich nicht, dass er am Wochenende oft nicht in Köln war.

Sie, die sonst so scharfsinnige und spürige Frau erkannte sein Doppelleben erst, als sie schon hoffnungslos in ihn verliebt war.

Als eines freitags plötzlich eine gut gekleidete Frau mit strahlend blauen Augen und lockigem Engelshaar in der Tür seiner Wohnung stand und er sie mit „Schatz! Welche Überraschung!“ begrüßte, hörte ihr Herz auf zu schlagen. Und als ein kleines blondes Mädchen, mit den gleichen braunen Augen wie Elias und lustigem Pferdeschwanz, ihm „Papiiiiii“ rufend in die Arme sprang, stand ihre Welt still.

Er stellte Kim als seine Kollegin vor. „Projektvorbereitung. Du weißt ja!“ lächelte er seine Frau entschuldigend an, nahm sie in den Arm und schob Kim mit kalten, schweißnassen Händen zur Tür hinaus. Er verabschiedete sie mit „Wir sehen uns dann am Montag in der Uni!“ und vermied es ihr in die Augen zu schauen.

 

Sie nahm die Degradierung zur Geliebten nicht einfach so hin!

Sie zog einen Schlussstrich nach dem anderen, radierte jeden wieder aus, zog ihn erneut.

Sie kämpfte viele verzweifelte Kriege mit sich selber, aber verlor sie alle.

Zu stark war die Anziehung.

Mit ihm erlebte sie Momente, deren Intensität mit Worten nicht zu beschreiben war. Alles war fantastisch, gigantisch und himmlisch!

Mittelmäßigkeit war nicht ihrer beider Sache.

Sie lebte in einem einzigen Taumel der Gigantomanie bis Elias Köln wieder verließ, nicht ohne ihr zu versichern, dass sie die einzige Frau wäre, die er jemals geliebt hätte und weiterhin lieben werde. Dann zog er zurück in seine Nussschale zu Frau und Kind.

 

Für Kim begann das Projekt „Warten“. Das einzig wirklich große Projekt, das er jemals mit ihr gestartet hatte.

Sie richtete sich ihren Warteraum in ihrem Wohnzimmer ein und machte es sich so gut es ging gemütlich.

Ihr Laptop wurde zur Tür in seine Welt.

Mails, SMS und Telefonate waren die Nabelschnur, die sie mit dem nötigen Gefühl der Verbundenheit und Nähe versorgten und nicht verhungern ließen.

Dabei war sie es, die diese Mailbeziehung trug und nährte.

Sie teilte ihm ihr ganzes Leben in allen Einzelheiten mit.

Nebenbei überschüttete sie ihn mit erotisch angehauchten Geschichten und Gedichten, in denen ausschließlich er der Held war.

Elias ließ sich gerne zum ewig potenten Lover stilisieren und forderte immer wieder neue Geschichten ein, die er anfangs noch kommentierte und später nur noch konsumierte.

 

Nachdem er Köln verlassen hatte, trafen sie sich stundenweise in einem Hotel in Hamburg oder Bremen.

Sie fuhr fast 500 km hin und dieselbe Strecke wieder zurück, um ihn ein paar Stunden zu sehen.

Er bewegte sich nicht.

Aber was waren schon zehn Stunden auf der Autobahn gegen drei Stunden im Paradies?

Später sahen sie sich alle vier Wochen in irgendeinem Hotel.

Zwei Tage Zukunft. Zwei lange Tage!

Sie lebten von Höhepunkt zu Höhepunkt. Da hatte kein Alltag Platz.

Der traf Kim montags nach jedem Treffen mit der Wucht eines Panzers.

Montag wurde zum Tag des Absturzes. Siebter Himmel abwärts.

Harter Aufschlag garantiert.

 

Irgendwann begann sie heimlich von einer Zukunft mit ihm zu träumen.

Wie sie überhaupt vieles heimlich tat: Sie war seine heimliche Geliebte, eine heimliche Zukunfts-Träumerin und eine heimliche Vereinsamerin.

Oft saß sie stundenlang vor ihrem Laptop und starrte auf den Bildschirm in der Hoffnung bald ein Lebenszeichen von ihm zu erhalten.

Es machte sie verrückt, wenn die Internetverbindung einmal nicht funktionierte, und arbeitete fieberhaft, bis sie wieder empfangsbereit war für Mails, die doch nur selten eintrafen. Sie traute sich kaum noch aus ihrer Wohnung hinaus, aus Angst Mails zu verpassen.

Also kaufte sie sich ein Smartphone, das ihre Mails ebenfalls empfing.

Elias machte es sich in dieser Dreier-Paarung bequem, rührte sich nicht von der Stelle und genoss seine Pascha-Rolle.

Wie sehr sie dabei litt, übersah er. Hauptsache ihm blieben seine monatlichen Höhepunkte!

Bald aber wurden ihm die monatlichen Sternstunden ihres Universums mit gigantischen, übersinnlich guten Gesprächen und ebensolchem Sex zu viel.

Er beschloss die einzige Frau, die angeblich alles von ihm wusste, ihn verstand und die er vermeintlich abgöttisch liebte, nur noch alle drei Monate zu sehen.

Qualität vor Quantität - so seine Devise.

Sie tobte.

Heimlich und still, denn je mehr sie sich seine Nähe ersehnte und darum bettelte, umso mehr zog er sich zurück.

Aber je weniger Nähe er zuließ desto größer war ihre Sehnsucht.

Ein Teufelskreis.

„Also ich zehre immer von unseren Treffen! Das ist so toll! Für mich ist es kein Problem drei Monate zu warten. Es erhöht doch die Spannung bis wir uns wiedersehen“, teilte er ihr lächelnd mit.

„Aber für mich ist es unerträglich“, war ihre heimliche, nur gedachte Antwort, bevor er sie mit einem Kuss auf die Stirn wieder in ihr Kölner Leben entließ.

Das tat, was es immer tat: Es lebte auch ohne sie weiter und scherte sich nicht darum, dass da jemand zurückblieb.

 

Als sie ihren Job verlor und ihn dringend gebraucht hätte, war er, wie so oft, nicht für sie erreichbar.

Alleine in ihrer Wohnung sitzend, zitternd vor Wut und grau vor Einsamkeit, begann sie zunächst ihre Abhängigkeit von Elias, anschließend sich selber und dann Elias zu verabscheuen. Als die Sehnsucht körperlich zu schmerzen begann und nicht nur Elias, sondern auch noch Migräne ihr Leben bestimmte, übernahm ihre Freundin das Kommando.

Sie hatte es satt Kim leiden zu sehen und begann sie wie einen Hund auszuführen.

Sie trieb sie bei jedem Wetter nach draußen auf die Straße, in Parks, Cafés und Restaurants, Konzerte.

Kim nahm all das, was ihr dort begegnete zunächst wie durch einen Schleier wahr, der sich nur langsam lüftete. Sie hatte zwar all die Jahre das Leben beobachtet, aber das Laufen verlernt. Es brauchte einige Zeit und die Hilfe ihrer Freunde bis sie wieder in der Lage war das Handy mindestens eine Stunde unbeobachtet zu lassen und nicht ständig zu überprüfen, ob Elias ihr vielleicht doch eine Mail geschickt hatte.

Noch länger dauerte es, bis sie wieder den kölschen Smalltalk beherrschte und es genoss, neben anderen am Rheinufer in der Sonne zu sitzen.

 

Wut wirbelte durch ihre Sinne bis er von einem Sturm der Entrüstung vertrieben wurde und sie endlich wieder klar sah.

Wo war er, der Mann, der sie angeblich doch so sehr liebte? Der sich nur zu gerne hatte tragen und vergöttern lassen?

Überall sah sie Liebespaare, die Zeit miteinander verbrachten, miteinander sprachen und das Leben teilten.

Wer liebt, will Nähe! Zweisamkeit statt Ferne!

 

Kim ließ den Traum von einem Elias, den sie so sehr liebte, dass sie es zuließ jahrelang verletzt zu werden, endlich los.

Ihr Laptop blieb immer häufiger ungeöffnet auf ihrem Wohnzimmertisch liegen, während sie mit den Nachbarn von Balkon zu Balkon ein Schwätzchen hielt oder auf dem Weihnachtsmarkt am Dom einen Glühwein trank.

Sie degradierte den „Mann ihres Lebens“ zu ihrem Geliebten.

Sie verbannte ihn nun oft aus ihren Gedanken und stellte keine Forderungen mehr, so dass er bald nachfragte, was denn los wäre.

Sie schreibe nur noch so selten.

Aber sie verweigerte ihm die Alleinherrschaft über ihr Leben.

Sie weigerte sich zu warten, sich selbst zu verleugnen, verletzt zu werden oder ihn durch ihre gemeinsame Affäre zu tragen.

Liebe fordert nicht - heißt es. Etwas, was sie sich all die Jahre immer wieder mahnend vor Augen gehalten hatte.

Liebe lässt den anderen, wie er ist.

Jetzt aber hatte sie die Nase voll von ihrer eigenen Großzügigkeit.

Sie wollte nicht mehr immer nur auf den einen Moment hinleben, der ihr atemberaubenden Sex versprach, aber nicht mehr.

Sie wollte endlich ein ganzes Leben und die dazugehörige Liebe leben.

Sie wollte Streit und Lachen, Langeweile und Routine, Urlaube, Partys, Vergangenheit und Zukunft mit einem Partner, der mit ihr Händchen haltend durch die Stadt lief anstatt sie zu verstecken. Sie wollte wütend sein dürfen, wollte Diskussionen über die richtige Wandfarbe ihrer gemeinsamen Wohnung.

Sie wollte Sex, der nicht mit der Uhr gestoppt wurde, sobald ihre Zeit abgelaufen war.

Sie wollte ein ganzes, offenes Leben und keine Heimlichkeiten mehr.

Sie wollte ihn nicht mehr.

Kim stellte Elias noch nicht einmal mehr ein Ultimatum oder erklärte sich.

Sie schrieb ihm eine letzte Mail: „Es ist vorbei.“

Nur diesen einen Satz.

Es gab kein „bis bald“, keinen „Kuss“, kein „Ich liebe Dich“. Nichts.

Es war endlich vorbei!

Endlich.