Herbstfarben

Der heiße Tee dampft mir gemütlich und ungerührt vom Sturm, der draußen um das Haus tobt, seinen herrlich frischen Geruch entgegen, so als ginge ihn all das Brausen, Raunen und Prasseln gar nichts an.

Aber der Wind jagt wild um das Haus und rüttelt wütend an den Fensterläden.

Ungestüm peitscht er Regen in großen Tropfen und bunte Herbstblätter gegen die bodentiefen Fenster, die den Garten mit dem Wohnzimmer verbinden.

Auch die Wolken treibt er in ungewohnter Hast über den Himmel, zerreißt und zerfetzt sie oder wirbelt sie völlig durcheinander.

Selbst die Bäume, die den See einrahmen, tanzen nach seiner Pfeife.

Heute ist der Himmel ein trübes und graues Spiegelbild des vor dem Haus liegenden Sees.

Bei gutem Wetter trägt er gerne Juwelen, die hier und dort Türkis in der Sonne glitzern.

Aber jetzt versteckt er sich in einem langweiligen, grauen Gewand, das nichts von seiner wirklichen Schönheit ahnen lässt.

...

 

Das Feuer im Kamin, das sich nicht ganz so unbeeindruckt vom Wind zeigt und manchmal aufgeregt flackert, versucht mit seinem Knistern so vergeblich wie der Tee meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Trotz all des lauten Tobens dort draußen gelingt es mir hier im Haus am See, ruhig zu werden.

Bin weit weg und doch so nah, tief in mir auf Expedition.

Ich habe mich aufgemacht, um Erinnerungen und Gefühlen nachzuspüren 

...

 

Dann kommt mir unser gestriger Spaziergang um „unseren“ See in den Sinn, als das Wetter noch nicht die exzentrische Laune einer Diva an den Tag legte:

Der See liegt unter einem weichen dampfenden Wattenebel verborgen und hüllt sich darin ein.

Durch die geöffneten Fenster dringt nicht nur das Rascheln der Vögel und Eichhörnchen im Laub, sondern auch lockend der Duft von bunten Blättern, Pilzen und feuchter Erde. Ein Herbstduft, dem wir nicht widerstehen können und den wir gerne inmitten dieser herrlichen Herbstwelt genießen wollen.

Draußen, auf der Lichtung, empfängt uns sanft goldenes Licht, das nur der frühe Herbst zustande bringt, wenn die Blätter noch an den Bäumen hängen.

Drinnen im Wald unter dem Blätterdach erscheint es nicht mehr nur grün und hell, sondern auch satt rot.

Ein Licht, das seit Urzeiten so weise und wissend erscheint. So stark, so sanft, dass man ruhig und still wird, um es nicht zu vertreiben.

Ein Licht, dessen Magie dazu verführt, sich darin zu verlieren und lange nicht mehr aufzutauchen.

Der Herbst zeigt sich von seiner buntesten Seite und jeder Baum scheint mit seinem nächsten Nachbarn um das farbenprächtigste Blätterkleid zu konkurrieren.

Rot, Kupfer, Orange, Braun und hier wieder ein noch sattes Grün.

Der Wald schwelgt in Herbsttönen - eine wahre Farbenorgie.

Hier und dort haben sich Gräser und Sträucher Tau-Ketten, von Spinnen gewoben, ausgeliehen und prahlen damit.

Die Sonne scheint ihre Freude damit zu haben und bringt sie alle zum Glitzern.

Ich lächele, schließe die Augen und nehme den erdigen, feuchten Duft des Waldes auf, während er mich in die Arme nimmt und mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn haucht. Ich atme seinen Geruch, der dort in der Beuge seines Halses so betörend ist und den des herbstlichen Waldes.

Jeder Duft für sich allein schon überwältigend in seiner Wirkung. Aber zu dieser Symphonie verwoben, sind sie mehr als berauschend.

Endlich sind wir am Steg des Sees angekommen, der am späten Morgen noch in der Sonne liegt und zum Verweilen einlädt.

Wir lassen uns nieder, um das Schauspiel des Waldes noch ein wenig zu genießen.

Der See spielt den Spiegel für all die Bäume, die sich in ihren neuen Gewändern darüber beugen und vor lauter Staunen in all ihren Tönen in der Sonne strahlen.

Hier und dort ziehen ein paar Herbstnebelfetzen über die glatte Fläche und dampfen dem Himmel entgegen, um sich mit seinem Blau zu vermählen.

Wir riechen Feuchte allerorten, die zu dieser Jahreszeit nicht mehr vergeht.

Pilze und Moose verströmen ihre wohlbekannten Aromen.

Blätter segeln langsam um sich selbst drehend dem glatten Spiegel des Sees entgegen, so als wollten auch sie sich von allen Seiten betrachten.

Vorsichtig und sanft tauchen sie in das türkise Nass ein, darauf bedacht die Ruhe des Spiegels nicht zu sehr zu stören.

Die Natur schwelgt verschwenderisch in sich selbst. Feiert ein großes farbenprächtiges und doch so stilles Fest.

Wie selbstverständlich lässt sie uns daran teilhaben. 

...